Christine Wunnicke: "Wachs"

Christine Wunnicke: "Wachs"

Ulrich Sonnenschein   26.02.2025 | 15:42 Uhr

Christine Wunnicke ist eine deutsche Autorin und Übersetzerin. Ihr neuer Roman "Wachs" erzählt die Lebensgeschichte der Anatomin Marie Bihéron im Frankreich des 18. Jahrhunderts. Ulrich Sonnenschein stellt das Buch vor.

Es ist das 18. Jahrhundert in Frankreich. Die Revolution wirft ihre Schatten voraus, es fehlt an Brot, Sauberkeit und gesellschaftlicher Moral. In den Straßen sterben Menschen, unbeachtet und nicht beweint, während der Hof in Dekadenz versinkt. In diesen Straßen sucht Marie Bihéron nach Leichen. Sie will sie sezieren und studieren und eine angesehene Anatomin werden. Um der Verwesung zu entgehen, fertigt sie zuerst Zeichnungen und später Wachmodelle der inneren Organe an. Es ist ihr Jahrhundert, denn mit ihren Wachsmodellen wird die Tochter eines Apothekers die Medizin international weiterbringen. Den Sturm auf die Bastille aber wird sie nicht mehr erleben.

Auch in ihrem neuen Roman Wachs taucht Christine Wunnicke ein, in eine Welt, die fantastisch erscheint und doch historisch verbürgt ist. Ihre große Stärke ist es, eine vergangene, fremde Zeit sprachlich auferstehen und spürbar werden zu lassen, und in immer wieder auch grotesken Details zu erzählen, wie sich diese zusammensetzte. Sie geht auch hier in einer Mischung aus vorromantischer Blumigkeit und einer klaren, in der Zeit verhafteten Wissenschaftssprache zu Werke, wenn sie zum Beispiel die Gedanken Maries zum Gehirn wiedergibt.

Ein Gehirn war kein Muskel, nicht zu ertüchtigen wie etwa die Flexoren des Beins, ohne Zugkraft, nicht elastisch, gleichsam von Newtons Gesetzen befreit; doch brachte es manches zustande. Es klammerte wohl an der Seele. Es erzeugte wohl den Zorn und die Fragen. Groß und wichtig saß es im Schädel und erschwerte dem Menschen Leben und Tod. Seine Substanz, hier weicher, dort fester, hier weißlich, dort gräulich, auch zuweilen löchrig und schwammig, wenn einer in Umnachtung verstarb, unterschied sich von allen anderen Substanzen des Körpers.

Wachs aber ist kein Roman der beginnenden Anatomie allein, sondern auch ein Sittenbild seiner Zeit, gerade ist die Guillotine erfunden worden, sowie ein Dokument der Ideengeschichte Frankreichs zwischen Diderots Enzyklopädie und Rousseaus Naturgeschichte. Hier treffen wir auf einige zeitgeschichtliche Größen, deren Alltäglichkeit aber ihr Ansehen überschattet.  

Diderot versuchte, Maries Idee zu kommentieren, weil er jede Idee, die ihm einer erzählte, immer sofort kommentierte, doch es waren zu viele Ideen auf einmal.
»Es hängt alles mit allem zusammen!«, rief Marie.
»Seit wann sind Sie philosophisch?«
»Ich bin philosophisch geboren. Nur trage ich es nicht ständig zu Markte.
»Schreiben Sie mir den Artikel …«
»Ich schreibe Ihnen keinen Artikel«, sagte Marie, »denn ich kann ihn als Frau schlecht unterzeichnen, und so stünde er anonym da und würde mir gleichsam gestohlen. Hat es denn schon einen Titel? Diderots großes Buch über alles? Diderots Museum der erfreulichen Dinge, auf tausend Rollen gezogen, zur Erhellung des Geistes?«
»Es hat nicht nur erfreuliche Dinge«, sagte Diderot, »und es ist nicht nur meines allein, und es sind schon zig Bände erschienen, und Sie wissen genau, wie es heißt!«
»Ich vergaß es. Pardonnez.« Marie lächelte.
»Die Enzyklopädie!«, rief Diderot.

Außerdem begegnen wir ganz unmittelbar dem inzwischen fast vergessenen Dichter Jacques-Henri Bernardin de Saint-Pierre, Autor des damals überaus populären Romans „Paul et Virginie“ der bei Christine Wunnicke zum Namensgeber eines androgynen Affen wird. Und wohnen seinem Verfall als Intendant des Jardin du Roi bei.

Der Zeichensaal sah aus, als hätten Soldaten hier Quartier gemacht, jene des Feindes. Alles war zerschlagen. Aus dem großen Schrank, worin Madeleine einst ihre Farben verwahrt hatte, waren Türen und Fächer herausgerissen, das Holz lag überall umher. Die Vorhänge hatten sich von den Ringen gelöst und lagen im Schmutz. Es war viel Schmutz hier, neuer Tierkot, alter Menschenkot, auf Teppich und Bohlen verstreut und verschmiert. Die Tische der Assistentinnen, die Platten von den Beinen getrennt, hatte man übereinandergestapelt, als ob man sie anzünden wollte.

Und schließlich ist Wachs auch ein unterschwellig großartiger Liebesroman zwischen zwei Frauen. Denn schon bald nach ihrem Kennenlernen verliebt sich Marie in ihre Zeichenlehrerin Madeleine Basseporte, zieht mit ihr zusammen und erlebt, was moralisch verwerflich und doch tief empfunden ist.

Spätabends, als Marie längst schlief, schlüpfte Madeleine in die Wohnung. Sie besaß ihren eigenen Schlüssel. Es war nicht weit zum Jardin du Roi. Dort arbeitete sie von morgens bis nachts. Lautlos zog sie sich aus und kroch zu Marie ins Bett. »Du bist kalt«, sagte Marie. »Mmh.« Madeleine schob eisige Finger in Maries schlafwarme Hand. Sie wollte geküsst und geliebt werden, und Marie küsste und liebte sie. Sie bediente die rechte Kurbel, sie leitete Elektrizität ein, sie kannte die Nervenbahnen, und Mademoiselle Basseporte zerschmolz. Ein wenig Kunst war in die Liebe geraten.“

Wie viele andere Romane von Christine Wunnicke, Nagasaki, ca. 1642. Der Fuchs und Dr. Shimamura oder zuletzt Die Dame mit der bemalten Hand, ist auch Wachs eine exotische Reise in eine kleine Ecke der bunten Weltgeschichte. Vergangenheit und Gegenwart durchdringen einander in einer einzigartigen Sprache, die sich aufbäumt und sich so manchen Regeln widersetzt und damit eine eigene poetische Wirklichkeit schafft.


Christine Wunnicke
"Wachs"

Berenberg Verlag
192 Seiten, 24 Euro
ISBN: 978-3-911327-03-9


Ein Thema in der Sendung "Der Nachmittag" am 26.02.2025 auf SR kultur.

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